Montag, 29. Oktober 2012

Multicheck? Nein danke!

Multicheck? - Was soll denn das?
Die Multicheck-Eignungsanalyse wird von zahlreichen Unternehmen gefordert, um die Qualifikation der BewerberInnen auf Lehrstellen zu prüfen. Schulnoten sind diesen Unternehmen nicht mehr Aussagekräftig genug, da verschiedene Lehrpläne, unterschiedliche Bildungssysteme und Privatschulen eine Vergleichbarkeit der Noten erschweren.
Deshalb hat sich die Multicheck AG zum Ziel gesetzt die zuknftigen Lehrlinge, ihre Eignung und ihr Potenzial in Zusammenarbeit mit interessierten Unternehmen durch einen standardisierten Test, erneut zu schikanieren.
Mehr als 30 0001 BewerberInnen führen dafür pro Jahr diese Tests durch und die, die sich das leisten können, lassen sich Vorbereitung und Durchführung ordentlich etwas kosten.
  • Kaufmann/Kauffrau (CHF 100)
  • Technisch (CHF 100)
  • ICT (CHF 100)
  • Detailhandel/Service (CHF 70)
  • Gewerbe (CHF 70)
  • Gesundheit/Soziales (CHF 80)
  • Beauty (CHF 70)
  • Attest (EBA) (CHF 60)
In dieser Auflistung sind natürlich nur die Kosten zur Durchführung der Tests aufgeführt. Neu hat nun die Multicheck AG auch ihre Zahlungsmodalitäten geändert, sodass die Tests nur noch mit Postcard, Postkonto eFinance, Mastercard, VISA oder Paysafecard. Es stellt sich die Frage, ob alle 15Jährigen ein Konto oder eine Kreditkarte haben... Aber vielleicht wissen sie ja was eine Paysafecard ist oder sie lernen es mit Hilfe des Lehrvideos auf der Homepage.

Da sich das Potenzial und die Eignung junger Leute sehr schnell ändert, ist ein solcher Multicheck nur ein halbes Jahr gültig und schon dürfen die KandidatInnen die Kassen der Multicheck AG erneut klingeln lassen.
Quelle Facebook

Genug Zynismus...
Es ist unsäglich, dass private Unternehmen über Potenzial und Eignung junger Menschen entscheiden. Natürlich sagen auch Schulnoten nicht viel über einen Menschen und seine Potenziale aus, aber ein solcher Test dient dem eben auch nicht. - Schon gar nicht, wenn man mit solchen Tests Gewinne auf Kosten von Mittellosen erwirtschaftet. Das ist ein Meilenstein der Unterhöhlung unseres Bildungssystems. Ein Schulsystem, das auf gesellschaftlichen Werten gewachsen ist, wird durch Unternehmen, die auf der Suche nach Humankapital sind unterwandert.

Bei meinen Recherchen führte ich einen Berufswahltest der Multicheck AG durch. (Der ist im Vergleich zur Eignungsanalyse gratis, nutzt aber in der Bewerbung auch nichts.) und mein Ergebnis seht ihr hier:

Ich mag Technik, das stimmt. Aber nur weil ich gerne Selbstbau-Möbel aufstelle und Überraschungseier-Figuren nach Plan zusammenbastle bin ich sicher noch keine wirklich gute Konstrukteurin (Ganz so dämlich waren die Fragen im Test nicht)
Allerdings zeigt der Test auch noch etwas anderes spannendes: nämlich, dass ich auf keinen Fall mit Menschen in sozialen Zusammenhängen oder im Bildungsbereich zu tun haben sollte... Na verraten wir das lieber nicht den BerufsschullehrerInnen, die mich auf ihre Klassen los lassen.
Und das beste kam am Schluss: Ich konnte meine Daten auch gleich bei Multicheck Gateway hinterlegen und mich von Arbeitgebern kontaktieren lassen.

Wer steckt eigentlich hinter der Multicheck AG
Spannend war dann besonders zu schauen wer so alles hinter der Multicheck AG steckt. Also recherchierte ich bei Moneyhouse und fand folgende Namen im Verwaltungsrat:
  • Rolf Portmann (Präsident)
  • Adrian Krebs (Geschäftsleitung)
  • Sandra von May-Granelli
  • René Zahno (VR-Sekretär)
Rolf Portmann (Präsident) 
War früher Direktor der Berner Handelskammer und FDP-Grossrat bis 2006.2 Derzeit in 17 Verwaltungsräten aktiv.3 Ausserdem Geschäftsleitung der Bernischen Wirtschaftsmessen GmbH 4
Adrian Krebs als Geschäftsführer und René Zahno sind beide verwurzelt beim Feusi Bildungszentrum, einer Privatschule. Herr Krebs legte dort seinen Fachausweis als Erwachsenenbildner ab und Herr Zahno arbeitet als Leiter der Berufs- und Lernberatung des Feusi Bildungszentrums.

Besonders interessant ist jedoch Sandra von May-Granelli. Sie ist Rektorin der Feusi Privatschule. Früher war sie Verwaltungsrätin der KPT und der Berner Kantonalbank. Die Finanzmarktaufsicht hat sie und andere in dieser Funktion suspendiert. Hintergrund ist eine Affaire um die geplante Fusion der KPT mit Sanitas.5 Ausserdem gibt es eine längere Zusammenarbeit zwischen Feusi und Multicheck.6

Die Feusi Privatschule sucht intensiven Kontakt zur Wirtschaft und versucht die SchülerInnen entsprechend den Bedürfnissen der Wirtschaft aus- und weiterzubilden.
Natürlich liegt bei der Konstellation der Verdacht nahe, dass PrivatschülerInnen der Feusi allgemein besser abschneiden als SchülerInnen staatlicher Schulen. Leider ist das in dem Verlauf meine kleinste Sorge.

Die Multichecks für Lernende unterhöhlen das staatliche Bildungssystem. Der Fokus liegt auf Leistung im Bereich finanziell verwertbaren Kriterien am Menschen. Nicht jedoch auf Lehrplänen, die einvernehmlich mit gesellschaftlichen Werten und Konventionen ausgehandelt wurden. Die Bewertung eines Schülers/einer Schülerin durch Lehrpersonen, die im Idealfall mehr aussagt als eine Zahl, wird untergraben durch vereinheitlichte Tests. Es geht hier nicht um Fähigkeiten, Eignung und Persönlichkeit eines Menschen sondern um die Schaffung von vergleichbaren verkürzten Fakten.
Diese Tests sind nicht auf die Bedürfnisse der Menschen, sondern auf die Bedürfnisse der Unternehmen ausgerichtet.
Ein solcher Test spiegelt nur eine Momentaufnahme wider und kann (bei aller psychologischer Fähigkeit, die ich den ErstellerInnen zutraue) keine persönliche Eignung oder Neigung aufnehmen. Damit wird ein Teil der Jugendlichen ausrangiert ohne, dass sie eine Chance erhalten. - Eine gigantische Verschwendung an Potenzial.

Ausserdem werden Kinder aus finanzstarken Familien bevorzugt. Für Kinder aus finanziell soliden Haushalten spielt es eine untergeordnete Rolle wie viele Multichecks sie machen und wieviel die Vorbereitung kostet.

Es stellen sich an diesem Beispiel grundsätzliche Fragen wie wir Gesellschaft und Ausbildung organisieren wollen und wie weit wollen wir Unternehmen in unsere persönliche Entwicklung einbeziehen wollen.

Fazit: Multichecks abschaffen!

1http://www.multicheck.ch/de/eignungsanalyse.html
2 http://www.bern-ost.ch/index.php?p=50&q=34233
3 http://www.moneyhouse.ch/p/portmann_rolf-2839672/verbindungen.htm
4 http://www.moneyhouse.ch/p/portmann_rolf-2839672/verbindungen_gl.htm
5 http://www.bernerzeitung.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Sandra-von-MayGranelli-gibt-BEKBVerwaltungsratsmandat-ab/story/24888966
6 http://www.bern-ost.ch/index.php?p=50&q=34233